
Ulrich Tukur
ESSEN + TRINKEN 2001/2002
Cox
Der Ursprung dieses Lokals ist dunkel und feucht. Es
war leer und langweilig in St.Georg. Da kommt ein hoch
aufgeschossener junger, blonder Mann, der in Bönningstedt
mit einem Schnurrbart auf die Welt gekommen ist und
auf den Namen Herbie hört, nach Hamburg, übernimmt
ein heruntergekommenes Kellerlokal in der Langen Reihe,
das den sinnlosen Namen Dorf trägt , und macht
nach einer kulinarischen Experimentierphase einen florierenden
Betrieb daraus, der schon bald seinen gastronomischen
Aggregatzustand ändert und legendär wird.
Das "Dorf" war in den 80er Jahren unser Wohnzimmer.
Ich habe genau 47.465,30 Mark dagelassen.
Der Wirt aber ist ein verkappter Künstler mit einem
goldenen Händchen fürs Geschäftliche.
Ihm reicht. dieser Erfolg nicht, er braucht einen neuen
Kitzel. Er übernimmt einen ehemaligen Frisiersalon,
der einmal eine Schmiede war, in der Greifswalder Straße
und startet ein "richtiges" Restaurant. Er
benennt es nach seiner Lieblingsapfelsorte. Es wird ein
Bombenerfolg. Solchermaßen sicher geworden , durchbricht
er in der Nacht vom 23. auf den 24. September 1997 die
rückwärtige Wand seines Lokals und landet in
einer Fischhandlung auf der Langen Reihe, deren indische
Besitzer er auszahlt und nach Hause schickt. Mit sehr
viel Geschmack, woran seine , aus Deutsch - Südwestafrika
stammende Frau Lene einen überragenden Anteil hat,
wird aus dem Fischladen ein Raum gezaubert, wie er in
Paris nicht schöner zu finden ist.
Inzwischen ist Herbie, der eigentlich Heribert
Melzer heißt, gut situiert und hat seine elf Kinder
ins Familiengeschäft integriert:
Pamela, Sassia. Loubna und Joanna stehen hinter der Theke,
Melanie, Undine, Nora, Johanna, Oliver, Thorsten und
Ralf schwirren in den beiden großen Räumen
herum und servieren, beraten und machen einem das Leben
leicht.
Nach Geschäftsschluss müssen sie alle in Schlafsäcken
auf den mit rotem Leder bezogenen Sitzbänken des
Restaurants nächtigen. Seit einigen Jahren steht
Herbies Vetter Herr Dankenbring, der ohne Vornamen zur Welt gekommen ist, hinterm Herd.
Er fuhr lange zur See, fing als Schiffskoch auf malayischen
Piratenbooten an, kochte auf japanischen Luxuslinern,
bevor er ein badisch - österreichisches Restaurant
bei Maria Lauch in der Eifel übernahm.
Man
merkt der Speisekarte des "Cox" die Weltläufigkeit
seines Chefkochs an, Fernöstliches wurde schon mit
Hunsrückischem kombiniert, aber immer
auf höchstem Niveau. Ich bestellte eine hausgemachte
Wildbratwurst
mit Anis, Sauerkirsch - Chutney und SellerieSchmant -
Salat als
Vorspeise gleich zweimal; sie war wirklich köstlich,
obwohl ich vom Wirt wegen einer angeforderten Extraportion
Senf beschimpft wurde. Der Heilbutt in Sud mit wilden
Spargeln: Hervorragend, aber wahrscheinlich nicht
ganz so aufregend wie
der Maibock im Speckmantel, den die hübsche Dame
am Nebentisch
als letzte Portion hämisch verzehrte.
Drei Dinge noch zum Schluss:
1. Das "Cox" ist spät abends
ein zauberhafter Ort und
nicht mehr so voll. Die Küche ist bis kurz vor Mitternacht
aktiv.
2. Sie sollten den Mittagstisch nicht versäumen
, der ist
köstlich und im Preis - Leistungs - Verhältnis überkorrekt.
3. Gehen Sie bald ins "Cox", denn
Heribert Melzer plant
schon einen neuen Coup: Im nächsten Jahr wird er
mit
einem dubiosen Schauspieler in Venedig ein Hotel eröffnen,
das den Namen "Orange" trägt. So schließt
sich dieser Kreis.
Das "Cox" aber wird unter dem Namen Dankenbring
in alle
Ewigkeit weiterlaufen.